
„Seien Sie achtsam.” Dieser Satz begegnet uns gerade überall – in Nachrichten, Behördenhinweisen, Gesprächen mit Nachbarn. Gemeint ist meist etwas sehr Konkretes und Vernünftiges: Abstand halten, aufmerksam sein, Risiken minimieren. Soweit, so gut.
Nur hat unser Gehirn dabei leider einen eigenen Plan.
Für viele Menschen verknüpft sich das Wort „achtsam” in Krisenzeiten unweigerlich mit dem, wovor man achtsam sein soll – also mit Viren, Erregern, Ansteckung, Gefahr. Was als hilfreicher Hinweis gedacht war, wird so zum mentalen Dauerbrenner: Die Gedanken kreisen, die Sinne sind auf Alarm gestellt, und das Gehirn beginnt, in allem eine potenzielle Bedrohung zu sehen.
Das ist keine Überempfindlichkeit. Das ist Neurobiologie. Unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgelegt, Gefahren zu erkennen und zu erinnern – und in Zeiten erhöhter Alarmbereitschaft werden automatisierte Gedanken- und Gefühlsmuster besonders hartnäckig. Aus Vorsicht wird Sorge, aus Sorge wird Angst, und aus Angst wird – im ungünstigsten Fall – die Angst vor der Angst selbst.
Wenn die Gedanken sich nur noch im Kreis drehen, ist von Achtsamkeit im eigentlichen Sinne wenig übrig. Der Geist ist alles andere als im gegenwärtigen Moment – er ist beschäftigt mit Szenarien, die vielleicht eintreten könnten, und Erinnerungen an das, was bereits war. Das ist anstrengend. Und es schränkt das Leben auf eine sehr reale Weise ein.
Hier lohnt sich eine Begriffsklärung. Achtsamkeit im therapeutischen Sinne – so wie sie in der modernen Psychotherapie verstanden und angewandt wird – bedeutet nicht erhöhte Wachsamkeit gegenüber äußeren Bedrohungen. Es bedeutet das genaue Gegenteil: die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen, ohne ihn sofort zu bewerten.
Wertfrei wahrnehmen klingt einfach. Ist es aber nicht – vor allem dann nicht, wenn das Bewertungskarussell sich bereits in voller Fahrt befindet. Denn unser Geist bewertet automatisch und blitzschnell: gut oder schlecht, sicher oder gefährlich, meins oder nicht meins. Diese Automatismen sind hilfreich, wenn man einer Gefahr ausweichen muss. Sie sind weniger hilfreich, wenn man einfach nur einen ruhigen Abend verbringen möchte.
Echte Achtsamkeit hilft, genau diese Automatismen zu erkennen – und damit zu unterbrechen. Nicht durch Verdrängung, nicht durch Zweckoptimismus, sondern durch eine andere Qualität der Aufmerksamkeit: offen, neugierig, nicht wertend.
Das Gute daran: Achtsamkeit lässt sich üben. Und man muss nicht stundenlang meditieren, um erste Effekte zu spüren. Einige der wirksamsten Übungen sind verblüffend einfach – und verblüffend unterschätzt.
Die Atemachtsamkeit ist eine davon. Nicht als Entspannungstechnik, sondern als Anker im gegenwärtigen Moment: Drei bewusste Atemzüge, bei denen die Aufmerksamkeit wirklich nur beim Atem bleibt – nicht bei der nächsten Aufgabe, nicht bei der Nachrichtenlage, nicht bei dem, was morgen sein könnte. Dieser kleine Moment der Unterbrechung kann ausreichen, um aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und einen Perspektivwechsel zuzulassen.
Das ist keine Resignation. Achtsam sein bedeutet nicht, Probleme zu ignorieren oder Risiken kleinzureden. Es bedeutet, sie klarer zu sehen – ohne die verzerrende Brille von Angst und automatisierten Reaktionsmustern. Akzeptieren ohne zu resignieren: Das ist einer der kraftvollsten Sätze, die ich in meiner therapeutischen Arbeit kenne.
Manchmal reichen kleine Achtsamkeitsübungen aus, um wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Manchmal aber haben sich Angstmuster so tief eingegraben, dass es mehr braucht als drei bewusste Atemzüge. Wenn Gedanken sich dauerhaft im Kreis drehen, Schlaf und Alltag beeinträchtigt werden oder die Angst vor der Angst selbst zum bestimmenden Thema wird – dann ist das ein Signal, das professionelle Begleitung verdient.
In meiner Praxis für Psychotherapie arbeite ich unter anderem mit achtsamkeitsbasierten Verfahren, die helfen, automatisierte Muster zu erkennen, zu verstehen und schrittweise zu verändern. Nicht als schnelle Lösung – aber als nachhaltiger Weg zurück zu einem Leben, das sich wieder offen und leicht anfühlt.
Wenn Sie das Gespräch suchen, bin ich da.
Herzliche Grüße aus der Praxis für Psychotherapie in Münster,
Dr. med. Regina Nenninger
Roggenmarkt 6
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