
Stellen Sie sich folgende Szene vor: Es ist Frühstück. Ihr Kind löffelt Cornflakes. Im Radio läuft die Nachrichtensendung. Innerhalb von drei Minuten ist die Rede von Klimawandel, Wirtschaftskrise und einem Konflikt, dessen Name Ihr Kind nicht aussprechen kann. Ihr Kind schaut Sie an: „Papa, müssen wir jetzt Angst haben?”
Kinder sind erstaunlich widerstandsfähig – vorausgesetzt, die Erwachsenen um sie herum behalten halbwegs die Fassung. Was Kinder destabilisiert, ist selten die Krise selbst, sondern die Hilflosigkeit der Erwachsenen, die sie beobachten. Ein Kind, das sieht wie sein Vater beim dritten Nachrichtencheck des Abends die Stirn in Falten legt und schweigt, entwickelt eine sehr lebhafte Fantasie darüber, was gerade wohl passiert sein mag. Und Kinderphantasie, das wissen wir alle, ist in solchen Momenten keine Ressource.
Wenn ein Kind fragt „Ist das schlimm?”, fragt es eigentlich: „Bin ich sicher?” Wenn es fragt „Warum passiert das?”, meint es: „Macht die Welt noch Sinn?” Und wenn es fragt „Was machen wir jetzt?”, sucht es nach nichts anderem als dem Signal: Du hast das im Griff.
Kinder brauchen keine lückenlosen Erklärungen. Sie brauchen Orientierung. Der Unterschied ist wichtig – und erspart Ihnen so manchen halbstündigen Erklärungsversuch über geopolitische Zusammenhänge beim Abendbrot.
Die Kunst der kindgerechten Antwort
„Kindgerecht” bedeutet nicht „beschönigt”. Es bedeutet: dosiert, ehrlich und mit einem klaren Ende. Drei Prinzipien helfen dabei:
Das Nachrichten-Radio beim Frühstück, der Fernseher im Hintergrund, das Smartphone auf dem Tisch – all das ist für Erwachsene bereits eine Herausforderung. Für Kinder ist es schlicht zu viel. Nicht weil Kinder zart besaitet wären, sondern weil ihr Gehirn noch nicht zwischen „Das passiert gerade bei uns” und „Das passiert irgendwo auf der Welt” unterscheiden kann. Eine Überschwemmung im Nachrichtenbild fühlt sich für ein Sechsjähriges so an, als wäre sie um die Ecke.
Ein bewusster Umgang mit Medienkonsum – also das, was wir im letzten Artikel als Digital Detox für Erwachsene beschrieben haben – gilt für Kinder erst recht. Nur nennen wir es dort noch nicht so. Wir nennen es einfach: draußen spielen.
Manchmal reichen elterliche Gelassenheit und gute Rituale nicht aus. Wenn ein Kind anhaltend schlecht schläft, sich sozial zurückzieht, körperliche Beschwerden ohne erkennbare Ursache entwickelt oder Ängste zeigt, die den Alltag beeinträchtigen – dann ist das kein Zeichen von Schwäche, weder beim Kind noch bei den Eltern. Es ist ein Signal, das gehört werden möchte.
In meiner Praxis erlebe ich regelmäßig, dass Eltern zu lange warten, weil sie hoffen, „ich schaffe das alleine“. Manchmal tun sie das. Manchmal braucht es einfach ein bisschen Unterstützung von einer ärztlichen Psychotherapeutin in Münster, ein offenes Gespräch – und den Mut, es zu führen.
In diesem Sinne: Gute Nerven beim Frühstück.
Herzliche Grüße aus der Praxis,
Dr. med. Regina Nenninger
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