Wenn die Hitze auf die Psyche schlägt – was 40 Grad mit uns machen

Wenn die Hitze auf die Psyche schlägt – was 40 Grad mit uns machen

Gereiztheit, Erschöpfung, innere Unruhe: Extreme Temperaturen sind nicht nur eine körperliche Belastung


Vielleicht kennen Sie das Gefühl dieser Tage: Sie haben genug geschlafen – jedenfalls versucht. Sie haben getrunken, Schatten gesucht, den Ventilator auf Maximum gestellt. Und trotzdem sind Sie gereizt. Konzentrieren fällt schwer. Die Geduld ist kürzer als sonst. Kleinigkeiten, die Sie normalerweise kaltlassen, gehen Ihnen heute auf die Nerven.

Das ist kein Zufall. Und es ist auch keine Schwäche.

Was Hitze im Gehirn auslöst

Unser Gehirn ist ein hochsensibles Organ – und ein sehr wärmeempfindliches. Schon ab einer Körperkerntemperatur von etwa 38 Grad beginnt die kognitive Leistungsfähigkeit nachzulassen. Konzentration, Gedächtnis, Entscheidungsfähigkeit und auch die Impulskontrolle geraten unter Druck. Das ist keine Einbildung, sondern Neurobiologie: Die Hitze beeinflusst direkt die Aktivität im präfrontalen Kortex – jenem Teil des Gehirns, der für rationales Denken und emotionale Regulation zuständig ist.

Was das im Alltag bedeutet: Wir reagieren schneller, unüberlegter, emotionaler. Konflikte entstehen leichter. Entscheidungen, die wir normalerweise ruhig abwägen würden, werden impulsiver getroffen. Die Stimmung kippt schneller – nach unten.

Besonders unter Druck geraten Menschen mit psychischen Vorerkrankungen

Für Menschen, die sich ohnehin mit psychischen Belastungen auseinandersetzen müssen, stellt Hitze eine zusätzliche Herausforderung dar, die häufig unterschätzt wird.

Wer an Depressionen leidet, kennt bereits den Antriebsmangel, die innere Schwere, das Gefühl, sich nicht ausreichend um sich selbst kümmern zu können. Extreme Hitze verstärkt diese Momente und führt unter Umständen in eine Abwärtsspirale: Erschöpfung und Vermeidungsverhalten nehmen unter anderem durch Schlafmangel zu, die Motivation sinkt weiter, soziale Rückzugstendenzen nehmen zu, was sich wiederum negativ auf die Stimmung auswirkt.

Auch bei Menschen, die Psychopharmaka einnehmen, lohnt ein genauer Blick: Bestimmte Medikamente beeinflussen die Wärmeregulation des Körpers oder das Durstempfinden. Auch darauf bezogen ist es sinnvoll mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt zu sprechen – gerade in einem Sommer wie diesem.

Was Sie jetzt tun können

Die gute Nachricht: Es gibt einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen – und die meisten davon haben mit Achtsamkeit für den eigenen Körper zu tun:

  • Trinken Sie konsequent, auch wenn Sie keinen Durst spüren – das Durstgefühl ist bei Hitze oft der schlechteste Ratgeber.
  • Planen Sie anspruchsvolle Gespräche, Entscheidungen und Konfrontationen bewusst in die Abendstunden oder den nächsten Tag – wenn die Temperatur sinkt, sinkt auch die emotionale Reizbarkeit.
  • Schützen Sie Ihren Schlaf so gut es geht: abgedunkelte Räume, kühle Laken, notfalls ein kühles Fußbad vor dem Einschlafen.

Und erlauben Sie sich, langsamer zu sein. Hitze ist kein Testfall für Belastbarkeit. Wer in diesen Tagen weniger schafft, ist nicht schwächer – sondern ehrlicher und selbstfürsorglicher mit sich.

Wann das Gespräch sinnvoll ist

Wenn Sie merken, dass die Hitze bestehende Belastungen deutlich verstärkt – Schlaf und Stimmung dauerhaft beeinträchtigt sind, alte Ängste stärker werden oder das Gefühl der Kontrolle über die eigenen Emotionen nachlässt – dann ist das ein guter Zeitpunkt das Gespräch zu suchen.

Nicht weil etwas „schlimm genug” sein muss, um Unterstützung zu verdienen. Sondern weil es leichter ist, frühzeitig gegenzusteuern als im Nachhinein.

In meiner Praxis für Psychotherapie begleite ich auch in solchen Phasen – im persönlichen Gespräch oder, gerade im Sommer, gerne auch per Videosprechstunde.

Bleiben Sie kühl – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Herzliche Grüße aus der Praxis in Münster,

Dr. med. Regina Nenninger